Meister der wenigen Worte

in Leserservice

Ereignisse aus dem Leben in wenige Worte kleiden – das ist die Leidenschaft vom Schriftsteller Ernst Ferstl aus Zöbern. Seine Sprüche finden auch in anderen Sprachen Anklang.

Schreiben vom Leben
Der Notizblock ist sein ständiger Begleiter. Hier werden Einfälle notiert und später auf den Computer übertragen. Als mittlerweile pensionierter Lehrer schreibt Ernst Ferstl in erster Linie für sich selbst. Eindrücke, Gedanken – das Leben auf den Punkt gebracht. Es entsteht alles aus dem Leben heraus und unter der Anleitung von Herz, Hirn und Humor, nennt Ferstl seine drei Eckpfeiler.
Mindestens 1 Stunde des Tages nimmt er sich für das Schreiben Zeit, was für ihn auch eine Art verarbeiten ist: „Man schreibt sich etwas von der Seele und Geschriebenes hat man hinter sich“. Jeden Tag entstehen dadurch zwei bis drei neue Gedanken, das sind im Laufe seiner 25-jährigen Karriere über 5000 Aphorismen – also Sprüche bzw. Lebens- oder Kalenderweisheiten. Rückmeldungen von seinen Lesern, die sich mit seinen Sprüchen identifizieren können, freuen ihn besonders und sind für ihn Erfolgserlebnisse.

Kraft der wenigen Worten
Keine Angst, dass Ihnen einmal die Worte ausgehen? „Am Anfang habe ich mir gedacht, dass es nur eine Tätigkeit von ein paar Jahren sein würde, aber man wird mit der Zeit hellhörig und überlegt sich, wie man Gehörtes oder Erlebtes umsetzen könnte“. Die Sprache sei so reich an Redewendungen, da werde es eher mehr als weniger. Noch bevor sein erstes Buch erschienen ist, hat er am 1. HaikuWettbewerb in Österreich teilgenommen und prompt gewonnen: „Eiskalt ist die Nacht, ein barmherziger Wind stellt Blumen ans Fenster“. Diese 17-Silben Gedichte sind die kürzeste und älteste Gedichtsform der Weltliteratur und stammt aus Japan. 2 Jahre nach dem Wettbewerb hat er sein 1. Haiku-Buch veröffentlicht, einige seiner Haiku Sprüche wurden sogar ins Japanische und Chinesische übersetzt.
Mittlerweile hat er sich mit seinen Spruchsammlungen, Geschenkbüchern und Gedichten einen Namen gemacht, viele seiner Werke wurden in andere Sprachen übersetzt. Wo liest man seine Sprüche? Zum Beispiel als Wandtattoos in Hotels, in Kalendern, an Tafeln entlang von Gedanken- und Besinnungswegen, wie jenem in Krumbach, auf der Verpackung einer Spruchedition von Mon Cheri, aber auch an ungewöhnlichen Orten wie einem Gipfelkreuz auf 4.000 m Meter Höhe in der Schweiz.

Die Tücken mit dem Urheber
Das Internet macht vieles einfacher: die Kontaktaufnahme mit ihm über seine Website oder mit seinen Lesern über Facebook. Dennoch hat das Internet und das dadurch einfacher gewordene Verbreiten von Informationen auch seine Tücken: So wurde sein Zeitspruch von einer großen, deutschen Firma fälschlicherweise als ein Spruch von Goethe zitiert. „Für mich ist gerade diese Verwechslung eine Auszeichnung: Was soll mir Schöneres passieren?“ meint er augenzwinkernd. Auch umgekehrt wurde sein Name bereits unter einem falschen Zitat gesetzt. Gerade bei ganz kurzen Sprüchen sei das Copyright ohnehin schwierig, da alles bereits gesagt worden sei, meint Ferstl. Viele Inhalte seiner Sprüche wurden vermutlich bereits 1000 Mal gedacht und ausgesprochen, aber den Inhalt in dieser speziellen Weise auszudrücken und in Worte zu fassen ist seine Eigenart.
Leben könne er von seinen Veröffentlichungen nicht, aber es sei ein schöner Nebenverdienst und das Schreiben gehört einfach zu seinem Leben dazu. Sein neuestes Buch ist im September erschienen: „Wenn ein Wort sitzt, kann man es stehen lassen“.

Text: Stefanie Schadler

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