Als der Strom ins Wechselland einzog

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Von der ersten bis zur letzten Gemeinde informiert das Buch „Von der Steinzeit bis zur Gegenwart“ über die Elektrifizierung des Wechsellandes.

Aus Wasser wird Strom
Erst bei einem Stromausfall bemerkt man, wie abhängig man von Strom ist und auf was man alles verzichten müsste, hätte die Elektrifizierung nicht stattgefunden. Dabei war die Elektrizität schon immer da, denn sie ist ein Naturphänomen wie Schwerkraft und Magnetismus. Der Begriff geht auf das griechische Wort für Bernstein „elektron“ zurück und auf die Versuche von Thales von Milet im 6. Jahrhundert vor Christus. Dieser hatte Bernstein mit einem Tuch gerieben und festgestellt, dass er danach andere Körper anzog.

Im Wechselland entstanden die ersten Stromkraftwerke aus der Nutzung der Wasserkraft zum Antrieb von Sägewerken, Mühlen und Stampfen. Das vermutlich älteste im Wechselland ist das 1893 erbaute Laufkraftwerk an der Schwarzen Lafnitz in Bruck an der Lafnitz. Dieses Dorf mit seinen damals etwa sechs Häusern wies bereits 1920 eine Vollelektrifizierung durch insgesamt drei Kleinkraftwerke auf. Vollelektrifizierung bedeutet, dass jede Siedlung zumindest öffentlichen Stromanschluss besitzt. 

Danach entstanden im Umfeld des Wechsellandes weitere größere Kraftwerke in Gloggnitz (1897) und Pinkafeld (1898). In Aspang (1901), Lafnitz (1908) und Kirchberg am Wechsel (1913) wurden größere öffentliche Stromkraftwerke errichtet, an die viele Orte bis in die 1930er-Jahre angeschlossen wurden. Im Zuge dessen wurden meist nur wichtige Gebäude der Ortszentren und die Straßenbeleuchtung mit Strom versorgt. Dörfer, in denen Fabriken waren, wurden früher angeschlossen.

Elektrifizierung während des Zweiten Weltkriegs
Weit abgelegene Dörfer und Gemeinden wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Die Versprechungen von der Herrschaft des Nationalsozialismus zur Elektrifizierung der Landgemeinden wurden nicht erfüllt. Um die gestiegene Stromversorgung aufrechtzuerhalten, wurde beispielsweise im Feistritztal eine Holzvergasungsanlage im Kraftwerk eingebaut, mit der Strom erzeugt wurde. In Schäffern diente eine umfunktionierte Lichtmaschine eines abgestürzten amerikanischen Bombers 1943 zur Stromerzeugung. Durch Ausgebombte, die sich im Feistritztal aufhielten, konnte dort das Stromnetz ausgebaut werden. Zur Unterbrechung in der Stromversorgung kam es durch Zerstörung, Ersatzteilmangel und später aufgrund von Diebstahl sowjetischer Soldaten. Damit das Zwangsarbeiterlager im Großen Hartbergtunnel mit Strom versorgt werden konnte, wurde über Schaueregg und Tauchen am Wechsel (1944) eine Stromleitung gelegt. 

Mit dem zweiten Verstaatlichungsgesetz 1947 wurde in der Republik Österreich unter anderem der Plan der Vollelektrifizierung ausgerufen. Sofern noch nicht geschehen, wurden ab diesem Zeitpunkt alle Kraftwerke eng an die NEWAG – Niederösterreichische Elektrizitätswirtschafts-AG, die STEWEAG – Steirische Wasserkraft- und Elektrizitäts-AG – oder deren untergeordnete Betriebe gebunden. Nach Kriegsende bis 1948 konnten Orte im Umfeld bestehender Anlagen angebunden werden. Da die Einbindung über die niederösterreichische Seite einfacher war, wurde etwa Schäffern an die NEWAG angebunden.

Lichtfeiern und letzte Gemeinde
Die Elektrifizierung der einzelnen Gemeinden des Wechsellandes und Umgebung war ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Das ist daran ablesbar, dass vielfach Lichtfeiern im Laufe der 1950er-Jahre mit teilweise hohen politischen Vertretern gefeiert wurden. Um 1960 war jede größere Siedlung im Wechselland mit Ausnahme vereinzelter abgelegener Gebäude, von Almhütten oder Verweigerern mit dem öffentlichen Stromnetz verbunden. Vermutlich als letzte Gemeinde gab die damalige Gemeinde St. Peter am Wechsel (heute Teil der Gemeinde Aspangberg-St. Peter) die öffentliche Vollelektrifizierung bekannt, als Innerneuwald 1966 angeschlossen wurde. 

Der Ausbau der elektrischen Straßenbeleuchtung dauert vielfach bis in die Gegenwart. Die über Landesgrenzen greifende Versorgung ist nach wie vor aufrecht. ❏           
Stefanie Schadler

Quelle: „Von der Steinzeit bis zur Gegenwart“, herausgegeben vom Historischen Verein Wechselland. Erhältlich in vielen Gemeindeämtern des Wechsellandes, darunter Aspang, Pinggau, Friedberg, Mönichkirchen und Dechantskirchen.

Zum Bild: Anhand dieser Skizze sieht man die spärliche Stromversorgung im Jahr 1948.
Fotos©Historischer Verein Wechselland

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