Die ersten Wörter

in Leserservice

Serie: Entwicklung begleiten

Die Sprachentwicklung folgt keinem Lehrplan. Unterstützen kann man die Sprachanfänger hingegen mit Vorlesen, Singen oder Fingerspielen. Und man sollte dabei dem Kind seine volle Aufmerksamkeit schenken.

Babys mit Akzent

Kinder haben von klein auf den Drang, sich auszudrücken. Bevor ihnen das mittels Sprache gelingt, müssen sie zuerst verstehen, und das beginnt, sobald das Gehör ausreichend entwickelt ist, was ab der 25. Schwangerschaftswoche der Fall ist. Bereits in der Endphase der Schwangerschaft können Babys verschiedene Laute unterscheiden und bereits bei der Geburt ist das Baby auf die Muttersprache eingestellt und kommuniziert sogar in dieser: Eine Studie, bei denen die Schreimelodien von deutschen und französischen Neugeborenen miteinander verglichen wurden, ergab, dass die deutschen mit einer absteigenden Tonfolge und die französischen mit einer aufsteigenden kommunizieren. 

Dabei ist das Erlernen der Sprache nicht Ergebnis von Zuhören und Nachplappern, denn Kindern erlernen die Sprache etwa auch, wenn die Eltern taubstumm sind. Nur wenn ein Kind in den ersten drei Lebensjahren völlig ohne sprachliche Zuwendung aufwächst, lässt sich die Lücke später nicht mehr ganz schließen. Im Alltag ist es hingegen hilfreich, wenn Eltern kommentieren, was sie tun, oder beim Wickeln Kinderlieder singen. Das Baby empfindet die Stimme von Mama und Papa außerdem als schön und beruhigend. 

Kinder haben ein angeborenes Gefühl für Rhythmus und da die meisten Wörter im Deutschen auf der ersten Silbe betont werden wie Hase oder Nase, ziehen sie daraus den Schluss, dass nach einer Betonung immer etwas Neues beginnt. Auch optische Eindrücke und Wörter werden ständig verglichen, etwa wenn Mama immer „Bagger“ zu etwas sagt. Dadurch verstehen Kinder früher, als sie selbst sprechen können.

Melodien und Vorlesen

Zum Gefühl für Rhythmus gesellt sich das angeborene Gespür für Musik. Sie erkennen sogar Melodien wieder, die sie im Mutterleib gehört haben. Diese frühe Musikalität unterstützt auch bei den Sprachanfängen: Beim Singen und Gedichteaufsagen werden Betonungsunterschiede und Rhythmik nämlich noch stärker hervorgehoben als beim normalen Reden.

Im Laufe des zweiten Lebensjahres lernen Mädchen durchschnittlich 120 Wörter, Burschen nur etwa 90. Dieser Vorsprung bleibt bis im Kindergartenalter erhalten, zudem sind sie dreimal seltener zu Besuch beim Logopäden als ihre männlichen Spielkameraden. Die Gründe dafür sind noch nicht genau erforscht; man vermutet hormonelle Prozesse, die das weibliche Hirn schneller reifen lassen. Mädchen sind früher in der Lage, Sprache abstrakt zu verarbeiten, Burschen brauchen verstärkt die Kombination aus akustischen und optischen Eindrücken. Das bedeutet: Das Zeigen eines Gegenstandes in einem Bilderbuch und die Nennung des Namens sind hier besonders wertvoll.

Nicht förderlich hingegen ist für kleine Sprachanfänger der Fernseher beziehungsweise das Radio: Ein Baby empfindet das Gebrabbel als störendes Hintergrundrauschen und kann nur schwer die Stimmen der Eltern aus dem Wirrwarr herausfiltern. Und auch Zwei- bis Dreijährige profitieren nicht von Kindersendungen, auch wenn sie pädagogisch gut gemacht sind. Kleinkinder erweitern ihren Wortschatz nur im direkten Kontakt, wenn zum Beispiel Erwachsene ein Bilderbuch vorlesen oder der große Bruder seine Fahrzeugflotte vorstellt.

Individuelle Entwicklung

Reden ist nur sinnvoll, wenn man das Gefühl hat, dass jemand interessiert zuhört. Egal, ob ein Einjähriger sein neues Wort übt oder der Dreijährige zum siebenten Mal die Geschichte vom Müllauto erzählt. Zuhören heißt, sich Zeit nehmen und das Kind beim Reden anschauen. Das Smartphone richtig weglegen. 

Auf der anderen Seite sind Bücher in jedem Alter empfehlenswert: Die ganz Kleinen nagen die Ecken an, ziehen an den Seiten und betrachten irgendwann die Bilder. Je kleiner das Kind ist, desto schlichter sollten die Illustrationen sein: ein Ball, ein Auto, ein Bär …

Das erste Wort kommt meist rund um den ersten Geburtstag. Ist diese Hürde genommen, explodiert förmlich die Sprachentwicklung und immer neue Wörter kommen dazu. Es imitiert, was man ihm vorsagt, holt Bilderbücher und deutet und schaut erwartungsvoll, weil es wissen will, was das ist. 

Dennoch halten sich Kinder nicht strikt an einen Lehrplan. Manche Kinder beginnen mit den ersten Worten mit zehn, elf Monaten, andere benötigen dazu 21 Monate. Manche Kinder lernen alle paar Tage ein neues Wort, bei anderen passiert wochenlang nichts, bis es plötzlich in einem Schwall aus ihnen herausbricht. 

Trotzdem sollte man Warnsignale ernst nehmen, denn richtig sprechen zu können ist enorm wichtig für Kinder. Die Welt erschließt sich durch Sprache und wer gut spricht, findet leichter Freunde. Wenn das Baby auch mit fünf Monaten noch so monoton wie ein Neugeborenes schreit oder wenn es im zweiten Halbjahr nicht mit dem Brabbeln beginnt, kann das an einer Hörstörung liegen. Je früher es Hilfe bekommt, zum Beispiel in Form von Hörgeräten, desto besser ist das für das spätere Sprechenlernen. Der Besuch beim Kinderarzt und das Wahrnehmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen kann beim Erkennen von Sprachverzögerungen unterstützen. ❏ 

Stefanie Schadler

Foto ©freepic.diller


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