Erdbeben – ungewohnt, aber keine Seltenheit

in Aktuell

Das Erdbeben Ende März in Neunkirchen war Anlass, dieses Thema näher zu beleuchten. Auch wenn Erdbeben für uns ungewohnt sind, so sind sie doch keine Seltenheit in Österreich.

Wenn Gestein in der Tiefe bricht

Am 30. März 2021 ereignete sich abends um 18:25 Uhr ein Erdbeben mit einer Magnitude von 4,6. Das Epizentrum befand sich fünf Kilometer östlich von Neunkirchen. Auch im Wechselland hat man dieses Erdbeben gespürt, wenn auch in Niederösterreich stärker, teilweise war es sogar bis ins Waldviertel wahrnehmbar. 

Wir haben uns bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik beim Seismologen Anton Vogelmann über die Hintergründe erkundigt. Dass das Erdbeben stärker nach Niederösterreich ausstrahlt, sei ein typischer Effekt für das Wr. Becken. Das dürfte mit der böhmischen Masse zusammenhängen, deren kristalline Gesteine im Waldviertel Richtung Oberfläche ansteigen, wodurch die Wellen im Norden stärker spürbar sind, während die Wellen nach Süden hin in den Untergrund abgeleitet werden.

Die Nähe zum Semmering und dem südlichen Wr. Becken ist der Grund, weshalb es im Wechselland immer wieder zu Erdbeben kommt: Diese zählen zu den bedeutenden tektonisch aktiven Zonen Österreichs. Das Wr. Becken ist dabei ein sogenanntes „Pull apart“-Becken, was bedeutet: Hier weitet sich die Erdkruste auf, der östliche Teil vom Wr. Becken wird langsam nach Nordosten geschoben. Somit reiben hier keine Plattenteile aneinander, sondern die Kruste wird auseinandergezogen. Jener Teil, der übrig bleibt, wird ausgedünnt, senkt sich immer weiter ab und wird über das Regenwasser mit Schotter und Sand aufgefüllt. Dieser Prozess geht bereits seit mehreren Millionen Jahren vor sich und ist daher mit einer Absenkungsrate von 1/10 Millimeter pro Jahr nicht wahrnehmbar.

An den Rändern vom Wr. Becken, dort, wo sich die Kruste aufweitet, passieren die meisten Erdbeben in einer Tiefe zwischen zehn und fünfzehn Kilometern. Da die Aufweitung langsam passiert, kommt es zu Zugspannungen, denen das Gestein irgendwann nicht mehr standhält. Es bricht in der Tiefe und verursacht so Erdbeben.

Ein Erdbeben der Stärke 4,6 kommt in Niederösterreich alle zehn bis fünfzehn Jahre vor, ist demnach laut Vogelmann nicht ungewöhnlich. In Niederösterreich passierte ein ähnlich starkes Erdbeben wie jenes im März mit einer Magnitude von 4,8 im Juli 2000 in Ebreichsdorf. In der Steiermark ereignete sich ein Erbeben mit einer Magnitude von 4,5 erst kürzlich in Admont im Jänner 2021. Typisch für Österreich ist zudem, dass die Beben nur einige Sekunden dauern. 

Generell lässt sich keine Zunahme an Erdbeben in Österreich feststellen. Durchschnittlich sind in Niederösterreich fünf Erdbeben pro Jahr spürbar, in der Steiermark sind es neun. In ganz Österreich werden von der Bevölkerung rund 48 Erdbeben wahrgenommen, das entspricht im Mittel etwa vier Erdbeben pro Monat.  

Die Magnitude ist dabei ein logarithmisches Maß der am Erdbebenherd freigesetzten Schwingungsenergie. Dabei ist ein Erdbeben der Magnitude fünf nicht doppelt so energiegeladen wie ein Erdbeben der Magnitude vier. Vielmehr weist es eine etwa 30-mal größere Energie auf. Daher kommt auch der gewaltige Unterschied im Zerstörungspotenzial zwischen Erdbeben mit zwei Magnituden Unterschied zustande, wenn diese in gleicher Herdtiefe stattfinden, da tausendmal mehr seismische Energie freigesetzt wird. 
Im Mittelmeerraum gibt es wesentlich stärkere Erdbeben, etwa in Ländern wie der Türkei, Griechenland und Regionen Italiens. Grund dafür sind die eurasische und afrikanische tektonische Platte, die gegeneinander geschoben werden. Die adriatische Platte ist dazwischen eingezwängt und wird teilweise nach unten gedreht, wodurch die Beben ausgelöst werden.

Österreich hingegen befindet sich „ein, zwei Schritte im Hinterland vom Spannungsregime und dadurch weiter weg von diesen Plattengrenzen, weshalb wir die Erdbeben nicht so stark spüren“, so Vogelmann. 

Auch wenn die Messungen, Daten und Informationen über Erdbeben sehr genau und umfangreich sind, lässt sich keine Vorhersage über Erdbeben treffen.

Glücksfall im Jahr 1972

Im Jahr 1972 wurde in Seebenstein ein Erdbeben mit einer Magnitude von 5,3 gemessen, das starke Schäden angerichtet hat und teilweise bis nach Wien ausgestrahlt hat. Über 100 Rauchfänge wurden in Wien beschädigt, kleinere Mauerrisse wurden gemeldet und sogar die Balustrade der alten Universität ist auf den Gehsteig gekippt. Glücklicherweise passierte das Erdbeben an einem verregneten Sonntagvormittag, sodass keine Studenten unterwegs waren und niemand zu Schaden gekommen ist.

App-Empfehlung: QuakeWatch Austria

Seit dem 25. März 2021 ist die App QuakeWatch Austria von der ZAMG für Android und Apple verfügbar. Hier können Nutzer einerseits Beben melden, man erhält aber auch eine Liste aller Beben in Österreich, Europa und der Welt. Auch Informationen über Beben und ein Verhaltensratgeber während eines Erdbebens sind abrufbar. ❏ Stefanie Schadler

Im Bild abgebildet sind die Seismogramme von fünf unterschiedlichen Erdbebenstationen und ihre Entfernung zum Epizentrum. So steht RONA für die Station Rosalia und ist mit 13 Kilometer Entfernung die nächstgelegene Station zum Beben. Je weiter die Station entfernt ist, desto später kommt das Signal an.

Pg sind Kompressionswellen, die in Ausbreitungsrichtung schwingen. Das sind quasi die Schallwellen im Gestein, die sich über Druck weiter fortpflanzen. Sg steht für Scherwellen. Hier bewegen sich die Teilchen senkrecht zur Ausbreitungsrichtung, was dann auftritt, wenn im Untergrund eine Verschiebung stattgefunden hat. S-Wellen bewegen sich langsamer als P-Wellen; daher ziehen sich die Abstände zwischen Pg und Sg umso mehr auseinander, je weiter die Station vom Beben entfernt ist. 

Jedes tektonische Erdbeben in der tiefen Erdkruste regt sowohl P- als auch S-Wellen an.


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