Historik: Jüdische Schicksale im Zweiten Weltkrieg

in Leserservice

Im Wechselland hatten es Juden schwer, auch wenn sie soziales Engagement zeigten oder die Anfänge eines Skiortes mitbeeinflussten. Lesen Sie in der aktuellen und nächsten Ausgabe über vier jüdische Schicksale im Wechselland.

Juden im Wechselland

Laut der Volkszählung von 1890 wurden im Gerichtsbezirk Aspang bei einer Gesamtzahl von 11.365 Einwohnern 35 Bürger israelitischen Bekenntnisses gezählt. Zehn davon lebten in Kirchberg am Wechsel, zwei in Aspang-Markt, elf in Edlitz und zwölf in Zöbern. Auch auf der steirischen Seite schätzt der Historiker Dr. Andreas Salmhofer 20 bis 30 jüdische oder halb-jüdische Personen und im Raum Pinkafeld/Burgenland gab es einige jüdische Familien. Mehr Familien mit jüdischem Hintergrund habe es in der Buckligen Welt südlich von Wr. Neustadt und Neunkirchen gegeben. Wr. Neustadt beherbergte Anfang der 1930er-Jahre mit ca. 1.300 Personen die viertgrößte Judengemeinde Österreichs.

Im Zuge seiner Recherchen zur NS-Zeit erhielt Salmhofer Informationen, die in der NS-Forschung bis dato unberücksichtigt geblieben sind: Drei Personen aus dem steirischem Wechselland, ein Kind mit seiner Mutter und ein Mann, konnten das NS-Regime unbeschadet überleben. Alle waren „halb- oder vierteljüdisch“ und konnten, obwohl das NS-Regime rigoros vorging, dem Holocaust entrinnen. Den Grund, warum sie diese Zeit unbeschadet überlebt haben, schreiben sie dem damaligen Zusammenhalt zu. Zwar hätten viele, darunter auch NS-Funktionäre, gewusst, dass sie Personen mit jüdischem Hintergrund sind, aber niemand habe diesbezüglich Maßnahmen ergriffen. 

Einige Schicksale jüdischer Familien während des Zweiten Weltkrieges sind dokumentiert und sollen hier exemplarisch für die zahlreichen Schicksale stehen. 

Kaufmannfamilie Daniel 

in Kirchberg

Bereits 1887 waren Mitglieder der Familie Daniel als Geschäftsleute in Kirchberg am Wechsel tätig und vor allem bei den armen und kinderreichen Landarbeitern und Bauernfamilien beliebt, weil sie aufschreiben ließen und Waren teilweise sogar verschenkten. Gleichzeitig waren antisemitische Tendenzen zwischen 1903 und 1920 erkennbar, etwa in Zeitungsartikeln in den „Wiener Neustädter Nachrichten“ bzw. in der „Wiener Neustädter Zeitung“. 1904 etwa wurde gegen jüdische Sommerfrischler in Kirchberg gewettert und 1909 war in einem Schreiben von einer „Judenplage“ die Rede. Laut einem Aufruf von 1920 hätten die Hausbesitzer in Kirchberg beschlossen, im kommenden Sommer ihre Wohnungen nur noch an Christen zu vergeben.

Zur Zeit des Anschlusses 1938 lebte nur noch die jüdische Familie Franziska und Samuel Daniel in Kirchberg. Die Familie wurde sabotiert, indem sich Leute der Sturmabteilung vor ihrem Geschäft postierten und all jene Personen notierten, die bei ihnen einkauften. Es wurde den Kunden zudem eine Haftstrafe angedroht, sollten sie ihr Verhalten nicht ändern.

Mehrere Personen des Ortes weigerten sich, den Deportationsbefehl der Familie Daniel vom 20. Jänner 1942 zu vollziehen, darunter auch der damalige Bürgermeister von Kirchberg namens Franz Burger. Die Deportation der Familie Daniel erfolgte dennoch im Juli 1942. Kurioserweise stellte der Bürgermeister einen Antrag, den Besitz der Daniels der Marktgemeinde zu überlassen, sobald er zur Veräußerung komme. Dieser Antrag wurde allerdings zu einer Zeit gestellt, in der die Familie noch in ihrem Haus wohnte. 

Über die letzten Monate im Leben der Familie ist nichts bekannt, lediglich ihr Todesdatum: Franziska Daniel starb am 2. November 1942 und Samuel Daniel am 3. Februar 1943. Seit Oktober 1990 erinnert eine Tafel an der Friedhofsmauer in Kirchberg an das Schicksal der Familie Daniel. Diese wurde auf Ansuchen der „Initiative Daniel“ von zwei Kirchbergern – einer Zeitzeugin und einem jungen Historiker – umgesetzt.

Skilehrer Hoffmann 

in Mönichkirchen

Der jüdische Ski- und Tennislehrer Kornel Hoffmann (1881–1942) war in der Mönichkirchner Gästebetreuung sehr aktiv. Er war gebürtiger Ungar und spielte in zwei Budapester Fußballclubs, bevor er nach Wien übersiedelte. Man nimmt an, dass ihm sein Onkel, der Bankdirektor Dr. Ludwig Blauhorn, dort einen Job vermittelt hatte. Er war demnach Bankbeamter und spielte auch in Wien weiterhin Fußball, etwa im Prater beim Vienna Football & Cricket Club. Danach ging er zum WAC. Vermutlich ebenfalls durch seinen Onkel lernte er Mönichkirchen kennen, der langjähriger Gast des Ortes war.

1922 kaufte er dort die so genannte Janisch-Hütte und veranstaltete von dort aus Skikurse und auch die ersten Schulskikurse. Bereits in den 20er- und 30er-Jahren war von der Skischule Kornell Hoffmann die Rede. In Bezug auf sein Wirken in Mönichkirchen wird angenommen, dass er den Skiort und die Skikurse begründet hat, da er diese professionell umgesetzt hat: Er habe die Leute nicht nur unterrichtet, sondern sie auch in seinem Haus untergebracht, war also Vermieter und Lehrer zugleich. Er dürfte außerdem der erste staatlich geprüfte Skilehrer in Mönichkirchen gewesen sein und zu einem großen Teil für die Entwicklung des Wintersports in Mönichkirchen verantwortlich sein.

Durch seine Bekanntschaft mit zahlreichen Sportgrößen der Zeit, die auch für das Nazi-Deutschland an Wettkämpfen teilnahmen, wollte er die Arisierung seines Hauses aushebeln. Dies ist ihm aber nicht gelungen, sodass er sein Haus zumindest an seinen besten Freund, Fritz Schlagnitweit, verkauft hat. 

Kornel Hoffmann wurde kurze Zeit später nach Wien deportiert und wie sämtliche Juden in einer Sammelwohnung untergebracht. Danach wurde er nach Maly Trostinec (heute Weißrussland) abtransportiert und ist dort unmittelbar danach ermordet worden.

Obwohl er in Wien gemeldet gewesen sei, sei sein Lebensmittelpunkt dennoch Mönichkirchen gewesen, da er hier die längste Zeit zwischen 1920 und 1940 verbracht haben dürfte, so Salmhofer. Wegen des Nebenwohnsitzes haben viele Mönichkirchnern lange Zeit nicht gewusst, dass er im Holocaust ermordet wurde. ❏ 

Stefanie Schadler

Zeitzeugeninterviews des „Historischen Vereins Wechselland“ mit Obmann Andreas Salmhofer

Der Historische Verein Wechselland (HVW) hat seit seiner Gründung neben dem Ausbau und Erhalt des Historischen Weitwanderweges Wechselland (www.wechsel-wandern.at) und anderer Projekte (Sagenbuch, Kunstgeschichte) auch vor, die Ereignisse der 1930er- und 1940er-Jahre zu erforschen. Im Zeitraum 2014-2019 wurden mehr als 170 Personen vor allem aus dem steirischen Wechselland und Mönichkirchen, interviewt. Erinnerungen an diese Zeit von mehr als 30 Soldaten, also Jahrgänge älter als 1929, und von 140 damals jungen Frauen, Männern und Kindern, die diese Zeit erlebt haben, wurden gesammelt, um der Nachwelt – teilweise anonymisiert – darüber zu berichten. Mithilfe dieser zahlreichen Interviews konnten neben einem gewonnenen Einblick in den  Alltag während des NS-Regimes auch Opfer des Holocausts oder der NS-Verfolgung gefunden werden, die gemeinsam mit der Initiative AuGe aus Graz aufgearbeitet werden. Dem HVW liegen zahlreiche weitere verschriftlichte Interviews aus den 1980er-Jahren sowie zahlreiche teilweise selbst verfasste Aufzeichnungen oder Fotos zur Kriegs-, NS-Zeit und Besatzungszeit vor. Das Buch über diese Zeit mit den Interviews und den dazugehörigen Erkenntnissen wird voraussichtlich 2025 erscheinen. Darin werden die Schicksalsjahre von zahlreichen Soldaten aus dem Wechselland aufgearbeitet, die auf allen Kriegsschauplätzen (Sowjetunion, Afrika, Norwegen etc.) gedient haben. Ebenso wird der Umgang der Bevölkerung mit dem NS-Regime gezeigt sowie schließlich die Erlebnisse der mehrwöchigen Kampfhandlungen im April/Mai 1945 am Hochwechsel.


Quelle: Die Informationen über Kornell Hoffmann stammen aus dem Buch „Eine versunkene Welt – Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt – Wechselland“, Herausgeber: Verein Tourismus Bucklige Welt, 2019, sowie von der Transkription eines Podcasts, in dem Prof. Anton Eder über Kornel Hoffmann erzählt.

Die Informationen über die Familie Daniel stammen aus dem Buch: Kirchberg am Wechsel. Geschichte und Gegenwart einer Marktgemeinde. Verlag: Marktgemeinde Kirchberg am Wechsel, 2001. 

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