Nationalsozialismus im Wechselland

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Der Nationalsozialismus fand auch im Wechselland durchaus seine Anhänger. Mit dem Kriegsverlauf wuchsen jedoch die Unzufriedenheit und der Widerstand.

Die Anfänge

Ausgelöst durch Unzufriedenheit und die schlechte wirtschaftliche Lage entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg der Nationalsozialismus heraus. Nachdem der gebürtige Österreicher Adolf Hitler den Vorsitz der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP übernommen hatte, wurde diese politische Gesinnung spätestens Ende der 1920er-Jahre auch in Österreich verstärkt spürbar. 

Nach Hitlers Machtübernahme 1933 in Deutschland wurden wiederholt Hakenkreuzfahnen im Wechselland gehisst. Kurz nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 fuhren deutsche Soldaten durch das Wechselland und wurden jubelnd empfangen. Die Partei und ihre Organisationen, darunter die Hitlerjugend, wurden aufgebaut, viele Bürgermeister durch NS-Funktionäre ersetzt und viele Vereine aufgelöst oder umgewandelt. Die Ideen des Nationalsozialismus wurden auch im Wechselland begrüßt, da man mit wirtschaftlichen und sozialen Versprechungen lockte.

Erst mit Kriegsbeginn im September 1939 sank die Begeisterung. Jeder dritte Soldat, der aus dem Wechselland zur Wehrmacht oder zu anderen militärischen Organisationen eingezogen wurde, fiel oder starb kriegsbedingt durch Krankheit oder Gefangenschaft. Auch die Menschen des Wechsellandes litten unter der NS-Herrschaft: Von etlichen jüdischen Familien im Wechselland konnten einige emigrieren, andere wurden in Konzentrationslagern ermordet. Laut Zeitzeugenberichten wurden aus beinahe jedem Dorf Behinderte, Alte und psychisch Kranke im Rahmen des „Euthanasie“-Programms abtransportiert. Auch Roma wurden deportiert. Aus dem Wechselland stammten Personen, die aktiv an dieser Vernichtung beteiligt waren.

Hitlerbesuche, Zwangsarbeitslager und Widerstand

Während des Zweiten Weltkriegs hatte Hitler zahlreiche Standorte für seine Angriffskriege. So wurde aus militärstrategischen Gründen der Große Hartbergtunnel für knapp zwei Wochen im April 1941 zum Versteck des „Führerhauptquartiers auf Schienen“. Die ranghöchsten Nationalsozialisten begleiteten ihn. Am Bahnhof Mönichkirchen feierte Hitler seinen 52. Geburtstag. Kleinflugzeuge, sogenannte „Fieseler Störche“, landeten auf dem „Feldherrenhügel“ nördlich von Tauchen am Wechsel.

Im Hartbergtunnelbefand sich außerdem das größte Zwangsarbeitslager im Wechselland. Vermutlich waren ca. 300 Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter in drei Schichten zur Arbeit verpflichtet. Diese bombensichere Betriebsstätte zum Bau von Teilen des Jagdfliegers ME 109 – Messerschmitt – war notwendig, da die Alliierten in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 mit Bombenflügen begannen. Noch heute erinnern einige Betonpfei- ler daran, auf denen die gezimmerte, etwa 200 m lange und etwa 10 m breite Fertigungshalle aufgebaut war. 

Auch in kriegswichtigen Bergwerken in Stögersbach und am Kohlgrabenbach, in kriegswichtigen Fabriken im Wechselland sowie im Straßenbau und in Forstbetrieben waren zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt.

Im Wechselland hielt man sich nicht immer an Vorgaben; so wurden Schwarzschlachtungen und Missachtung der Verdunkelung streng bestraft. Einige Personen aus dem Wechselland kamen in GESTAPO-Gewahrsam, wurden misshandelt, starben oder kamen wegen Vergehen in Konzentrationslager. Der Widerstand im Wechselland bestand aus kritischen Anmerkungen, passivem Streik, Abhören von Auslandssendern, gegen Kriegsende auch aus Sabotage. 

Schwer umkämpftes Wechselland

Zwischen Oktober 1943 und
Kriegsende kam es im Wechsel-land zu etwa 120 Fliegeralarmen, die mit der strengen Pflicht zur Verdunkelung einhergingen. Auch Luftkämpfe zwischen den deutschen Jagdfliegern und alliierten Bombengeschwadern wurden von der Bevölkerung beobachtet. Es kam auch zu einigen Flugzeugabstürzen mit teilweise tödlichem Ausgang. Vielfach wurden in der Nähe von Bahnanlagen und Fabriken im Wechselland Bomben abgeworfen. Im Zuge der sogenannten „Kinderlandverschickung“ wurden Schulkinder aus den durch Luftkrieg besonders gefährdeten Städten ins Wechselland gebracht.

Nach der gescheiterten deutschen Plattenseeoffensive im Frühjahr 1945 in Ungarn erreichten sowjetische Truppen den Osten Österreichs und das Wechselland wurde zum Kampfgebiet. Sowjetische Verbände kamen über zwei Stoßrichtungen in das Wechselland, Wehrmacht und SS-Einheiten zogen sich fluchtartig zurück und gingen teilweise am Wechsel in Stellung. Um den sowjetischen Vormarsch zu behindern, sprengte die deutsche Wehrmacht auf ihrem Rückzug einige Brücken, darunter die Zeilbrücke in Rohrbach an der Lafnitz. Der Frontverlauf im Hochwechsel-Gebiet wechselte täglich, der exponierte Niederwechsel konnte teilweise gehalten werden. Der Hoch- und Niederwechsel sowie der Raum Festenburg, Karnerviertel, Bruck an der Lafnitz und der Raum Eichberg blieben bis Kriegsende schwer umkämpft, auch wenn sowjetische Verbände kurz vor Kriegsende ihre Stellungen etwas zurücknahmen. 

In der Nacht auf den 8. Mai 1945 wurde die Kapitulation erklärt und die deutschen Verbände zogen sich größtenteils heimlich und vielfach unter feindlichem Artilleriebeschuss in die Obersteiermark zurück, um in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft zu gelangen. 

Zahlreiche Soldatenfriedhöfe und Gedenkkreuze im Semmering-Gebiet, Wechselland und Joglland erinnern heute an die sechswöchigen Kämpfe, die tausenden Soldaten auf beiden Seiten das Leben kosteten. ❏            

Stefanie Schadler

Quelle: „Von der Steinzeit bis zur Gegenwart“, herausgegeben vom Historischen Verein Wechselland. Erhältlich in vielen Gemeindeämtern des Wechsellandes, darunter Aspang, Pinggau, Friedberg, Mönichkirchen und Dechantskirchen.

Am Bild: Die deutsche Wehrmacht sprengte auf ihrem Rückzug einige Brücken, darunter die Zeilbrücke in Rohrbach an der Lafnitz.
Bilder © Historischer Verein Wechselland

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