Opernluft in Friedberg

in Leserservice

Serie: Menschen im Wechselland

Einen Opernsänger trifft man nicht alle Tage, aber falls doch, dann erfährt man so einiges über die Welt hinter der Bühne. 

Chorsänger über Umwege

Der gebürtige Salzburger Philipp Schausberger hat an der Universität Mozarteum seine musikalische Ausbildung genossen, wurde – was nicht üblich ist – direkt von dort wegengagiert und am Landestheater Salzburg angestellt. Er gastierte in Linz, Wien und München und spielte zahlreiche Festspiele. Dabei war er ein Quereinsteiger: In jungen Jahren sang er zwar in einem Chor, studierte aber zunächst Jus, bevor er schließlich merkte, dass dies nichts für ihn ist. Ein sehr renommierter Referent meinte während einer Chorsingwoche zu ihm, er solle doch einmal zum Mozarteum gehen und dort vorsingen. Zuerst skeptisch, hat er den Rat befolgt und sich bei der ersten Lehrerin, die er am Gang getroffen hat, vorgestellt und gemeint, er würde gerne etwas vorsingen. Vorgesungen hat er die Kunstversion von „Das Wandern ist des Müllers Lust“ von Schubert und bekam prompt bis zu den Aufnahmeprüfungen Privatstunden von dieser Lehrerin. Mit seiner Stimmlage als schwerer Tenor sang er im Laufe seiner Karriere unter anderem Mozart und auch mehrere Partien bei Wagner sowie französische Opern. „Lustigerweise habe ich genau die Musik gesungen, die ich ohnehin gerne höre“, so Schausberger. 

Ob es stimmt, dass in Opernkreisen oft Intrigen und Konkurrenzkämpfe herrschen, wie es in zahlreichen Romanen beschrieben wird? „ Ich habe wenig so zickige Menschen wie Opernsänger kennengelernt. Bereits im Studium war die Konkurrenz untereinander groß, so Schausberger und erzählt davon, wie ein Orchester von 120 Musikern einen Sänger „abdeckt“: Wenn das Orchester den Sänger aus irgendwelchen Gründen nicht mag, spielt es so laut, dass man als Sänger keine Chance mehr hat, durchzukommen.

Ein Paralleluniversum

Als Opernsänger hatte er eine Sechstagewoche von Dienstag bis Sonntag – Premieren sind meist am Sonntag –, Montag war frei. Proben gab es am Vormittag zwischen neun und vierzehn Uhr und am Abend zwischen achtzehn und dreiundzwanzig Uhr, wobei zu dieser Zeit oft Vorstellungen stattfanden. Einen Opernsänger zufällig zu treffen, sei schwierig, denn man lebe laut Schausberger in einer Art Paralleluniversum und habe ein anderes Zeitgefühl: Man arbeite, wenn die anderen Leute frei hätten und umgekehrt. Man treffe sich zwar mit Freunden, die aber alle mit der Opernwelt verbunden seien. Und dann gebe es noch die Künstlerclubs, die nur Künstler betreten dürften, die dafür einen hohen Mitgliedsbeitrag zahlten. In Österreich befänden sich zwei dieser weltweit vernetzten Clubs in Wien. Gerade besonders berühmte Künstler würden diese Clubs nutzen, da sie eine normale Umgebung abseits des Fantrubels böten. 

Diese andere Welt war schließlich auch der Hauptgrund, weshalb Schausberger ohne Wehmut seinen unkündbaren Vertrag beim Landestheater aufgelöst hat und 2017 mit 32 Jahren nach Friedberg gezogen ist. Abseits der Oper ließ sich die neu gegründete Familie besser vereinbaren. Schausberger ist nun als Versicherungsmakler bei einer Firma mit Hauptsitz in Aspang tätig.

Jeder kann singen

Auch wenn die Opernkarriere der Vergangenheit angehört, tritt er durchschnittlich zweimal im Jahr für Freunde auf und ist als Privatgesangslehrer tätig. Dabei ist Schausberger davon überzeugt, dass jeder singen könne. Wichtig sei dabei, dass die Kinder früh von den Eltern gefördert und ermutigt würden. Selbst wenn Eltern nicht singen könnten, bedeute das nicht, dass das auch auf die Kinder zutreffe. Nicht jeder könne hingegen Opern singen, denn hierfür brauche es gewisser anatomischer Voraussetzungen. „Singen macht Spaß und ich bin überzeugt, dass Singen auch heilt. Singen ist definitiv lebens- und geistesverlängernd und das kann für jeden nur gut sein.“ Wer Zeit übrig habe, etwa in der Pension, sollte sich einem Chor anschließen, ist Schausberger überzeugt. Man lerne nette Leute kennen und es lohne sich, es auszuprobieren. 

Hintergrund

Zu Beginn muss sich die Stimme eines Opernsängers erst entwickeln. Daher übernimmt man anfangs kleinere Partien, etwa in einer Wagner-Oper den Seemann oder Matrosen. Hier ist nur eine einzige Arie zu singen oder es gibt lediglich einen langen Auftritt, was einen stimmlich nichts anhaben kann. Ein normaler Wagnersänger hingegen singt von den drei Stunden, die die Oper dauert, rund zweieinhalb. Das schafft man erst, nachdem sich die Stimme entsprechend entwickelt hat. Daher sind die meisten Wagnersänger Mitte 40. Wer zu jung solche Rollen übernimmt, zerstört seine Stimme: Man singt acht Vorstellungen in kürzester Zeit. Ist die Stimme noch nicht dafür bereit, wird sie überanstrengt, was man sich wie eine Muskelzerrung oder einen Muskelriss vorstellen kann. Singt man dann immer wieder auf diese Verletzung drauf, kann sich die Stimme nicht erholen, was das Karriereende bedeutet. ❏      

Stefanie Schadler

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