Ottokar Kernstock

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Ottokar Kernstock ist vor 90 Jahren gestorben. Über sein Wirken und Leben als Pfarrer auf der Burg Festenburg erkundigten wir uns beim heutigen Pfarrer Sighard Schreiner.

Ein halbes Leben auf der Burg
Der in Marburg im Jahre 1848 geborene Ottokar Kernstock war ein bekannter Dichter und 40 Jahre lang Pfarrer auf der Festenburg. Der heutige Pfarrer Sighard Schreiner hat ihm vermutlich sogar seinen Arbeitsplatz zu verdanken, da Kernstock sich im 19. Jahrhundert den fortschreitenden Verfall der Burg annahm und das Dach sanieren ließ. „Ein Gebäude bleibt erhalten oder verfällt mit dem Zustand seines Daches“, so Schreiner. Mit einer Dachfläche von 3.000 m2 und rund 100.000 Ziegeln war und ist der Erhalt ein großer Kostenpunkt. Auch das Deckengemälde in der Kirche – den Festenburger Frauenhimmel – ließ er sanieren, der dadurch bis heute erhalten ist. Ein Festgedicht befindet sich von ihm am Friedberger Bahnhof, von ihm stammt die Bezeichnung Wechselgau – für ihn das Gebiet zwischen Hartberg und dem Wechsel – sowie der Text der Bundeshymne zwischen 1929 und 1938.

Museum und freier Redner
Nach seinem Tod wurden seine Räumlichkeiten – die schönsten auf der Burg, wie Schreiner betont – in ein Kernstock-Museum umgewandelt. Neben Exponaten wie seiner Schreibmaschine oder der Brillenklammer steht auch die Wohnkultur des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. Auch eine Karikatur von Hermann Vogel, Karikaturist der Münchener Fliegenden Blätter, zum Anlass seines 60. Geburtstages ist ausgestellt. Diese zeigt Kernstock als Don Quichotte. Sein halbes Leben verbrachte er auf der Burg und war als „Gerader Michl“ sowie guter, freier Redner bekannt.
So schrieb er als Kaplan in Vorau einst eine Festrede, die ihm als Streich von der Kanzel entwendet und gegen ein leeres Blatt Papier ausgetauscht wurde. Als er die Kanzel betrat, entdeckte er das leere Blatt, wendete es mehrmals und begann schließlich seine freie 20-minütige Rede mit: „Hier ist nichts und da ist nichts und aus Nichts hat Gott die Welt erschaffen“, erzählt Schreiner eine von vielen Anekdote.

Kernstock und der Nationalsozialismus
Seine Nähe zum Nationalsozialismus – als deren Wegbereiter er oft bezeichnet wird – widerspricht Schreiner. In der damaligen Zeit seien diese Nationalismen üblich gewesen als Ergebnis des Wechselspiels zwischen gemeinsamem Denken – zum Beispiel bei der Sowjetunion – und dem Willen, selbstständig zu sein. Der Kampf um die eigene Identität. Ähnlich, wie es zurzeit in der EU mit dem Vereinigten Königreich passiere, so Schreiner. Man müsse diese Thematik immer mit der damaligen Zeit interpretieren.
80-jährig verstarb Kernstock am 5. November 1928. Sein Grab befindet sich bis heute am Bergfriedhof bei der Festenburg und blickt in die entgegengesetzte Richtung aller anderen Gräber in
Richtung Wechsel. Gerne wird angenommen, weil er sich dort gerne aufhielt. Tatsächlich aber aus dem Grund, weil ein Pfarrer immer zu seinen Leuten schaut.

Text: Stefanie Schadler

©Bild: Petschar, Friedlmeier, Steiermark in alten Fotografien, Ueberreuther Verlag Wien.

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